Kambodscha - Das (Plastik) Paradies

Kambodscha - Das (Plastik) Paradies

Oktober 2019

von Lisa Jakobi
Anfang dieses Jahres, in meinen Frühjahrsferien, bin ich nach Kambodscha gereist. Es war nicht mein erster Asienurlaub und ich freute mich sehr auf ein Leben zwischen asiatischer kunstvoller Kultur und Palmen. So richtig Ausspannen wollte ich, denn ich habe nur kurz zuvor mein Referendariat an einer Schule begonnen. Ich liebe die Arbeit als Lehrerin, den Kindern etwas beizubringen und sie für ihr weiteres Leben vorzubereiten. Ein für mich wesentlicher Aspekt dabei ist der respektvolle Umgang mit der Umwelt, mit unserer Natur. So befand ich mich in einem quälenden Gewissenskonflikt. Wie kann ich den Kindern predigen, dass sie möglichst klimafreundlich leben sollen und selbst in den Osterferien ins Flugzeug steigen. DER Klimakiller überhaupt?! Aus meiner Perspektive heraus ist ein gänzlich klimaneutrales Leben ein Ding der Unmöglichkeit, nicht erstrebenswert und völlig unrealistisch. Leider. Was ich selbst versuche und auch den Kindern vermitteln möchte, ist, dass jeder für sich überlegen sollte, welche Opfer gebracht werden können und wo mein Anteil an einer klimabewussten Gesellschaft liegt. Und so liegt der mögliche Kompromiss für mich beispielsweise darin, mir den langersehnten Urlaub zu gönnen und dafür aber vor Ort den persönlichen Austausch zu suchen mit Menschen, die dort schon immer lebten, die nach Kambodscha hinzugezogen sind oder auch einfach dort nur reisen. Kommunikation und Wahrnehmung ist in meinen Augen unabdingbar, wenn man etwas erreichen möchte.
Bei meiner Ankunft in Kambodschas wuseligen Hauptstadt Phnom Penh konnte ich eine erste Tour mit dem TukTuk zum Hostel genießen. Die asiatische Kultur hatte mich wieder einmal direkt gefesselt und ich versuchte alle Momente tief in mir aufzunehmen. Vielleicht kennt ihr es aber auch, dass wenn man einen gewissen Fokus auf etwas gelegt hat, dass man diese Dinge besonders stark wahrnimmt? Mir ging es so mit der extremen Verschmutzung.
Müllberge auf Phnom Penh's Straße
Es gab eigentlich keinen Straßenrand, der nicht völlig übersäht mit Müll jeder Art war. Auch auf den Straßen selbst gab es plötzlich Müllhaufen, die umfahren werden mussten. Im Hostel angekommen, traf ich auf meine Freundin, die schon seit ein paar Monaten in Asien unterwegs war. Die Wiedersehensfreude war riesig! Wir tranken erst einmal einen frischgepressten Maracuja-Saft zusammen. Im Glas … mit Plastikstrohhalm. Er war dennoch super lecker! Dann ging es in den wunderschönen Königspalast. Die Anlage war sauber und gepflegt. Kein Plastik. Der lag nur außerhalb der Mauern.
Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zu einem der traurigsten Kapitel der Kambodschanischen Geschichte. In den 70er Jahren herrschte der kommunistische Pol Pot, der nahezu 2 Millionen Menschen in Kambodscha ermorden ließ. Sein grausames Anliegen ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, zu erklären. Er wollte den neuen Khmer erschaffen und brachte dabei hauptsächlich Gebildete um, die ihm im Wege standen. Zu seinen Soldaten wurden Kinder und Bauern. Meine Freundin und ich besuchten die „Killing Fields“, ein Ort des Schreckens, an dem nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder den Tod gefunden hatten. Ungefähr jeder vierte Kambodschaner starb.
Zementsäcke am Straßenrand auf der Fahrt zu den Killing Fields
Auf der TukTuk-Tour dorthin sind wir wieder an etlichen Müllbergen vorbeigefahren. Was mich doch wunderte, war, dass die Menschen vor Ort den Müll direkt in ihren Gärten oder vor ihren Grundstücken liegen hatten. Es schien sie nicht zu stören. Ich fragte mich, ob die schreckliche Geschichte des Landes vielleicht etwas damit zu tun haben könnten. Wenn hauptsächlich alle gebildeten Menschen ermordet worden sind, fehlte es den nachfolgenden Generationen vielleicht an der Aufklärung und Bildung über Umweltbewusstsein? Auch kann ich mir vorstellen, dass nach einem so schrecklichen Kapitel der Geschichte der Fokus weniger auf der Umwelt liegt als darauf Pol Pots Schreckensherrschaft zu überwinden. Noch heute sieht man viele Menschen, denen Gliedmaße fehlen und ich frage mich: Was haben diese armen Menschen bloß durchmachen müssen? Mir wird es verständlicher, dass unter solchen Umständen, Umweltschutz vielleicht zweitrangig wird.
Gedenkstupa mit echten Totenschädeln auf dem Gelände der Killing Fields in Phom Penh
Nach ein paar Tagen in Phnom Penh ging es weiter nach Siem Reap, einer niedlichen Stadt weiter im Norden, die ihre internationale Bekanntheit durch die atemberaubenden Tempelanlagen von Angkor Wat erhielt. In unserem Hostel wird darum gebeten, Licht und Klimaanlage auszuschalten, wenn der Raum verlassen wird, um die Umwelt zu schonen. Super! Wir besichtigten zwei Tage lang die allerschönsten Tempel und ich muss sagen, dass ich kaum jemals etwas Beeindruckenderes von Menschen erschaffen gesehen habe. Es lohnt sich sehr!
Die wunderschöne Tempelanlage Angkor Wat bei Sonnenaufgang
Ein kurzer Einblick in die buddhistische Kultur Im Tempel Angkor Wat
Auch in Siem Reap selbst gibt es einen putzigen Night Market, der wirklich sehenswert ist! Und plötzlich hüpfte mein Herz höher. So entdeckte ich einen Stand, der recycelte Taschen, Portemonnaies und vieles mehr anbietet. Toll! Ich sah sogar Produkte aus den Zementsäcken, die ich noch am Tag zuvor in Phnom Penh an der Straße habe liegen sehen. Es schienen alles Produkte zu sein, die aus kambodschanischen Müll hergestellt worden sind, manche auch aus Thailand. Kurzzeitig befürchtete ich, dass es vielleicht Plastik aus Europa ist, das nach Asien verschifft wurde.
Night Market Stand mit recycelten bzw. upcycleten Produkten in Siem Reap
Und ein paar Tage später sah ich in Kampot leider tatsächlich die typischen zusammengepressten Ballen an Plastik, die von Deutschland an unsere Müllkippe Asien geschippt worden sind. Ich schämte mich. Plötzlich lag eine große Last auf mir und ich wurde wütend. Wie können deutsche Politiker scheinheilig sagen, dass das Problem nicht in Deutschland läge, wenn wir das Problem von uns weg Richtung Asien verlagern? Sind wir dann nicht schuld, wenn es hier im Meer endet oder verbrannt wird oder einfach frei in der Natur herumliegt?
Unser Plastikmüll in Kampot
Der Fluss Preaek Tuek Chhu in Kampot
Ich versuchte meinen Kopf frei zu bekommen und begab mich mit meiner Freundin zum verschlafenen Fischerort Kap. Hier gibt es einen süßen Fischmarkt, auf dem ich frischen Pfeffer kaufte. Die Farben und Gerüche waren überwältigend. Überwältigend ist leider auch der Müll, der direkt im Meer an der Bucht schwimmt. Auch bekommt man hier nicht ein frisches Obstgetränk im Glas, nur Plastikhüllen mit Plastikstrohhalmen. Der Schlag traf mich, als ich an einem Schild vorbeiging, welches Kap mit dem Clean City Award 2018-2010 auszeichnet. Clean ist anders. Ist es aber vielleicht trotzdem gut, dass das Schild dort steht? Es scheint sich ja zumindest jemand Gedanken darüber zu machen?
Der Fischerort Kap, der einen Clean City Award bekommen hat
Die nächsten Tage verbrachten wir auf der Insel Koh Rong Sanloem. Das Paradies schlechthin. Wir gelangten von der wackeligen Fähre auf den morschen Steg, der mit recycelten Plastikflaschen als Lampenschirme ausgestattet ist. Tolle Idee! Am Ende des Stegs stellte ich fest, dass es keinen Steinweg oder Straße gibt. Der nächste Schritt geht auf den weißen Sand. Robinson Crueso hätte sicher genug Kraft, seine Tasche mit Rollen zum Hostel zu tragen. Ich hatte das nicht. Fluchend kämpfte ich meinen Weg bei 37 Grad über den weißen Strand zu unserer Behausung. Was für eine Frechheit, dachte ich zunächst. Als ich dann im Hostel mit Blick aufs Wasser meinen nächsten frischgepressten Obstsaft trank, beruhigte ich mich jedoch. Wie schön, dachte ich. Keine stinkenden Autos, keine lauten Motorräder. Das ist doch mal wirklich umweltbewusst. Auch der Strand ist sauber.
Ich kam ins Gespräch mit einem amerikanischen Barkeeper, der im Hostel arbeitet und seit drei Jahren auf der Insel wohnt. Seine Freundin ist einheimisch und nachdem sie sich im Urlaub kennenlernten, ist er geblieben. Endlich konnte ich mit jemandem auf guten Englisch über die komplizierte Problematik reden.
Er erzählte mir, dass das Hostel einen „Beach-Clean-Up“ plane, bei dem sie Müll von den weniger sauberen Stränden der Insel sammeln wollen würden. Ich zeigte mich sehr erfreut und fragte, was sie dann danach mit dem Müll machen würden, der gesammelt worden ist. Er wusste es nicht. Richtige Recycling-Optionen gäbe es nicht. Vermutlich würde man einfach alles verbrennen. An dieser Stelle wünschte ich mir, dass ein Investor mit viel Geld eine tolle Idee hätte, wie dieses Problem zu lösen sei. Vielleicht ja irgendwann einer meiner Schüler*innen? Wir verbrachten noch ein paar weitere Tage auf der Insel und sahen schnell, dass nur der touristische Strand sauber ist. Alle anderen Strände, die wir bewandert haben, sind deutlich vermüllter gewesen. Gerne würde ich wissen, ob diese „Clean-Up“-Aktion wirklich stattgefunden hat. Jedenfalls habe ich an den Stränden ein wenig Müll gesammelt und weggeschmissen. Hauptsächlich zerrissene Fischernetze.
Der vorletzte Step unserer abenteuerlichen Reise war Koh Rong, die Hauptinsel. Wir kamen am Hauptstrand an und fuhren mit einem offenen Jeep quer über die größere mit einer Straße aus rotem Sand ausgestatteten Insel zu einer abgelegenen Bucht. Hier war fast alles verlassen. Die wenigen Restaurants hatten geschlossen, die Hotels waren ausgestorben. Wo waren wir nur gelandet? In unserem Hostel angekommen, ging ich erst einmal duschen, denn wir sind vom roten Sandstaub knallrot. Ich stellte fest, dass neben der Toilette eine Regentonne steht – Spülwasser.
Die Straße vom Hauptanleger zum anderen Ende der Insel
Kurz war ich etwas schockiert. Aber letzten Endes ist alles andere nur Luxus. Ich frage mich, was der Mensch wirklich benötigt. Was ist Bedingung fürs Leben und was ist zusätzlicher Schnickschnack? Schon seit einigen Tagen plagten mich Magenprobleme und ein wenig Fieber. Ich versuchte mir den Spaß am Urlaub natürlich nicht nehmen zu lassen, muss aber gesehen, dass zumindest eine wohltuende Klimaanlage in der misslichen Situation nach meinem Geschmack gewesen wäre. Doch das Rauschen des Meeres zum Einschlafen entschädigte. Und das Ausruhen am Strand, fernab vom hektischen Trubel, tat gut nach den ganzen Tempelmarschen und stundenlangen Reisen. Bis auf die Vermüllung ist die Zeit auf den Inseln wunderschön gewesen. Das azurblaue Wasser, der weiße strahlende Strand und das entspannte Leben dort werden mir auf jeden Fall fehlen.
Am letzten Abend reisten wir nach Sihanoukville, einer Strandstadt am Festland. Von hier würde ich am nächsten Morgen zum Flughafen in die Hauptstadt fahren und meine Freundin weiter ins nächste asiatische Land. Ich kann diesen Ort keinem empfehlen. Die Chinesen haben hier alles aufgekauft und mir kommt die Stadt wie eine einzige Baustelle vor, aus der pilzartig die Hochhäuser hervorschießen. Es ist keine Überraschung, dass dieser Strand der bisher am meisten Vermüllte ist.
Der Strand von Sihanoukville – Plastik im Vordergrund, riesige graue Hochhäuser im Hintergrund
Am nächsten Tag fuhr ich zurück zum Flughafen, auf dem Weg dorthin ließ ich meine Erfahrungen Revue passieren. Es war eine unsagbar aufregende Reise, die eine enorme Breitspanne zwischen Luxus und absolut gar keinem Komfort bedient hatte. Ich konnte wunderschöne Orte sehen und gleichzeitig Armut und Schrecken wahrnehmen. Diese Reise brachte mich wieder einmal sehr zum Nachdenken. Am Flughafen sah ich weitere Souvenirs, ähnlich wie auf dem Night Market in Siem Reap. Ich freue mich mit drei recycelten Portemonnaies diesen Trend zu unterstützen und flog voller neuer Eindrücke nach Hause. Kambodscha war jede Reise wert!